Ich schlidderte und schlurfte heute in Gummistiefeln im Regen kilometerweit über nasses Eis Richtung nächster Messstation. Es ist kalt, nass, ich trage einen Plastikkorb mit Flaschen und Kram. Die Flaschen sind noch leer, der Korb wird trotzdem immer schwerer. Der Regen klatscht mir ins Gesicht. Schnell komme ich nicht vorwärts, weil ich immer wieder in den Schnee einbreche. Dort, von wo ich normalerweise meinen Weg beginne, kann man heute nicht parken. Zu viel Eis-Schnee-Matsche. Ich trau mich jedenfalls nicht, weil ich mich hier schon mal festgefahren habe. Bei den anderen Messstellen heute wird es nicht anders aussehen. Beim letzten Stück Zivilisation werde ich das Auto abstellen und den Weg zu Fuß antreten. Mir kommt in den Sinn, dass ich mir das damals nicht so vorgestellt hatte…

Vor *räusper* 22 Jahren, als ich noch für einen führenden Eiscremehersteller als Giftmischer tätig war, entdeckte ich diese Stellenanzeige in der Zeitung. Die Bewerbung war schnell geschrieben, denn die Stelle war ein Traum. Jedenfalls für jemanden, der raus wollte aus Zickenkrieg, Cliquenwirtschaft und vor allem weg von der Schichtarbeit.

Einer damaligen Kollegin ging es wohl ähnlich und obwohl wir Konkurrentinnen um den Job waren, malten wir uns den Arbeitsplatz in den schönsten Tönen aus. Die Laborarbeit war ja erst mal Nebensache, denn da stand, dass man auch Probenahmen machen musste. Probenahmen… in so einem Umweltamt. Kopfkino:
Herrliches Wetter, blauer Himmel, grüne Wiese, kleiner Plätscherbach. Ich schmeiße einen (kleinen!) Eimer in den Bach, ziehe ihn mühelos heraus, Stecke ein paar Elektroden ins Eimerchen. Erst mal Sonnencreme auftragen, damit man keinen Sonnenbrand bekommt. Laufe ein bisschen am Bach entlang, vielleicht sogar barfuß, schmeiße mein Eimerchen wieder ins Wasser, steige irgendwann in meinen mit Hightech ausgerüsteten Probenahmebus und fahre zur nächsten herrlichen Stelle. Ich rette die Natur.

Die Realität… siehe oben. Das Eimerchen hat dann 10-15 l Inhalt und muss auch ggf. drei Mal gefüllt werden. Und es müssen einige Höhenmeter und dann noch das Brückengeländer überwunden werden.
Und von blauem Himmel kann man meistens auch nur träumen. Oder irgendwann träumt man davon, dass man endlich keinen blauen Himmel mehr hat und bitte, bitte mal wieder Wolken vorbei gucken.
Straßen hören auch manchmal einfach auf, aber das Ziel ist leider noch nicht erreicht.
Oder es ist Sturm.
Oder man fährt den ganzen Tag hinter Treckern hinterher.
Oder das Auto geht kaputt.

Zum Glück bin ich ja kein hauptberuflicher Probennehmer, habe nur ein paar einzelne Aufgaben oder mal eine Vertretung und muss nicht jeden Tag raus.

Und irgendwie ist es trotzdem schön. Auch wenn nicht jeder Außendiensttag ein Highlight ist. Aber manchmal ist es fast wie vor 22 Jahren gedacht. Außer, dass man trotzdem arbeiten muss und richtig dreckig wird und auch gar nicht die Zeit ist, sich überall die Schuhe auszuziehen.